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Erziehung durch Sport - Prolog zur europäischen Jahreslosung 2004



Dr. Kuhlmann

Detlef Kuhlmann (es gilt das gesprochene Wort)

(Vortrag bei der nationalen Auftaktveranstaltung am 19. Januar 2004 in Leipzig)

 

1 Einleitung

Als letzter Vortragender so kurz vor der Mittagspause begebe ich mich in Gefahr,  nur noch zu wiederholen, was andere längst besser gesagt haben, oder etwas vorzutragen,  was zu den vorausgegangenen Statements überhaupt nicht mehr passt.  So gesehen hätte ich mit der Vorbereitung zu diesem Vor-trag eigentlich eben erst  nach den letzten Worten von Herrn T. beginnen dürfen. Abgesehen von Zeitknappheit  wäre mir dann jedoch der schöne Auftritt des Bewegungstheaters entgangen.  Mein  Dilemma lässt sich nicht auflösen. Was also tun? Ich werde Ihnen das präsentieren, was  ich als Manuskript für diesen Vormittag vorbereitet habe. Der nationale Beirat, der diese Veranstal-tung koordiniert, hat mir die Aufgabe gestellt, einen Fachvortrag zum Euro-päischen Jahr der Erziehung durch Sport 2004 zu halten eine Art Prolog zum Jahresauftakt, der auf die prinzipiellen Möglichkeiten des Sports für Erziehung aufmerksam machen soll. Was haben Sie nun konkret dazu in den nächsten knapp 30 Minuten von mir zu erwarten? Nach dieser kurzen Einleitung gliedern sich meine Ausfüh-rungen in zwei große Teile: Ich werde mich im nächsten Abschnitt auf das Anliegen des Europäischen Jahres einlassen und versuchen, die Leitidee Er-ziehung durch Sport etwas grundsätzlicher auszulegen. Dies geschieht in sportpädagogischer Perspektive. Der dritte Teil ist dann auch bildungs- und sportpolitisch angelegt. Hier möchte ich das ausgerufene  Eropäische Jahr der Erziehung durch Sport zum Anlass nehmen,  um   konkrete Aufgabenfel-der zu benennen. Ich werde also einige „Baustellen“, wie man neuerdings neuhochdeutsch auch zu sagen pflegt, skizzieren und mit Ihnen besichtigen. Mein Vortrag schließt  wie das so üblich ist - mit einer knappen Schlussbemerkung.


 

2.Welcher Zusammenhang besteht zwischen Erziehung und Sport? Grundsätze

Erziehung durch Sport - diese drei bedeutungstragenden Begriffe sind uns als Motto für das Europäische Jahr 2004 vorgegeben worden. Ich will dieses Motto wörtlich nehmen, stelle dafür zunächst die Begriffe Erziehung und Sport unverbunden nebeneinander und lasse aus dramaturgischen Gründen die Präposition „durch“ vorläufig beiseite.  Sie wird uns später noch genug beschäftigen. Schon die Zuwendung zum Begriff Erziehung  ist nicht ganz einfach und wäre lohnend als eigenes Vortragsthema, jedoch nicht mehr für heute Mittag.  Ich möchte Ihnen aber wenigstens eine kurze Arbeitsdefinition anbieten,  ohne mich in einem ausschweifenden Exkurs pädagogischer Se-mantik zu verzetteln:  Erziehung steht dann als ein weiter Sammelbegriff für alle Maßnahmen und Prozesse,  die den Menschen befähigen sollen, seine Kräfte und Möglichkeiten zu entfalten und zu verbessern. Damit ist die Herausbildung von wün-schenswerten Dispositionen und  Handlungsorientierungen gemeint: die Strukturierung des Denkens, Handelns und Fühlens mit zunehmender Selbstbestimmung des einzelnen. Erziehung ist jedoch flüchtig, hat keine klar abgrenzbare Gestalt,  lässt sich im Grunde von Nicht-Erziehung gar nicht trennen.  Erziehung ist als Geschehnis langfristig und in seinen Ab-sichten riskant, weil auch andere Wirkungen eintreten können als die, die ursprünglich beabsichtigt waren. Erziehung setzt prinzipiell die  Aneignungs-tätigkeit beim Individuum voraus,  ist letztlich nur als Selbsterziehung mög-lich und daher in Verlauf und Ergebnis offen.  Erziehung möchte Menschen - insbesondere junge Menschen - in die Lage versetzen, ein gelingendes Leben zu führen, soweit es von ihnen selbst abhängt.  Sport - und damit bin ich beim zweiten bedeutungstragenden Substantiv unseres Mottos  - steht dann als ein weiter Sammelbegriff für jenes auf Bewegung basierende Kulturgut  unserer Zeit, das unser gesellschaftliches Le-ben immer vielfältiger durchdringt  - hierzulande, bei unseren europäischen Nachbarn und draußen in der ganzen Welt.  Das vorgegebene Motto grenzt aber den Sport nicht weiter ein - weder auf bestimmte Personengruppen wie Kinder,  Jugendliche oder ältere Menschen, noch ist ausdrücklich nur vom Sport in bestimmten  Instanzen wie Schule oder Verein die Rede.  Mein weiterer Gang durch das Motto wird dadurch nicht unbedingt einfacher.  Wie passen nun Erziehung und Sport so allgemein zusammen? Sie vermuten richtig:  Jetzt muss endlich die Sache mit der Präposition kommen. Keine Angst,  ich werde Sie nicht mit einer Lektion in Grammatik belästigen:  Wer jedoch Erziehung durch Sport als Slogan für ein Europäisches Jahr ausruft,  der wird sich genauestens überlegt haben, warum er sein Anliegen ausgerechnet mit  dieser Formel einprägsam auf den Punkt bringen und im wahrs-ten Sinne des Wortes  durchdringen will. Was also kann Erziehung durch Sport demnach heißen?  Ich muss Sie noch ein wenig vertrösten, bevor ich dazu etwas durchsickern lasse,  weil ich den zweiten Schritt nicht ohne den ersten machen kann.  Denn wer auf Erziehung durch Sport setzt, muss zu-nächst erst einmal beim Sport selbst  ankommen und in ihm aktiv werden.  Erziehung durch Sport setzt nämlich Erziehung zum Sport voraus.  Das eine ist nur zusammen mit dem anderen denkbar und realisierbar: ohne zum kein durch! 

Erziehung zum Sport meint dann zunächst einmal die Einladung und Anleitung zum Sporttreiben und beinhaltet primär die Vermittlung von unter-schiedlichen Sportarten und weiteren Bewegungsformen. Dabei geht es um die Herausbildung von Fähigkeiten und den Erwerb von Fertigkeiten, die in ihrer methodischen Ausgestaltung auch als Üben, Trainieren, Spielen und Wettkämpfen oder noch allgemeiner als Lernen von Sport daherkommen. Erziehung zum Sport zielt insgesamt auf ein umfassendes Qualifikationspro-fil in den verbreiteten sportbezogenen Kulturtechniken, sei es im Turnen oder im Tanzen, im Basketball oder im Baseball, bei Aerobic oder Aikido,  im Winter- oder im Wassersport und anderswo.  Wer in dieser Hinsicht auf Er-ziehung zum Sport setzt, der erwartet fachliche  Anleitungen zum sportlichen Handeln, will sportspezifische Kompetenzen erwerben, verbessern oder er-halten. Der Sport soll den Menschen zugute kommen.  Letztlich zielt Erzie-hung zum Sport darauf, dass Sport ein integratives Element

für ein selbst bestimmtes und gelingendes Leben wird. Erziehung durch Sport basiert dann auf diesem humanen Sport, meint je-doch mehr und allgemein gesprochen die Entwicklung weiterer Kompeten-zen, die irgendwie durch das Sporttreiben beeinflusst werden und über das rein sportliche Handeln hinaus wirken können. Erziehung durch Sport drückt die Erwartung aus, dass sich im Sport manches lernen lässt, was man auch im übrigen Leben gut gebrauchen kann. Erziehung durch Sport  will Hilfen und Ressourcen auch für andere Lebenssituationen entwickeln.  Dafür lässt sich - wie wir alle wissen - eine Vielzahl von unterschiedlichen  Erwartungen formulieren, worin der Erziehungsbeitrag des Sports bestehen soll: Er kann verschiedene Dimensionen der Persönlichkeitsentwicklung betreffen (die kognitive, die soziale, die emotionale). Er kann zur Steigerung des

Selbstwertgefühls, zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit, zur Unterstützung prosozialen Verhaltens bzw. zum Aufbau und zur Pflege so-zialer Netzwerke beitragen - ja sogar zur Langzeit-Immunisierung vor Gewalt und Drogen. Summarisch geht es bei der Erziehung durch Sport um die Förderung der personalen Identität in sozialer Verantwortung, und zwar auf den Wegen und mit den Mitteln des Sports.



Moderatorin Franziska Schenk

Mein Durchgang durch das dreigliedrige Motto unseres Europäischen Jahres mit den beiden austauschbaren Präpositionen endet hier. Eigentlich müsste sich jetzt Euphorie unter Ihnen breit machen … oder schlägt sie vielleicht doch schon in Skepsis um: Ist das nicht alles ein bisschen zu viel des Guten, was dem Sport da durch Erziehung aufgeladen wird? Die Antwort muss lau-ten: „Ja, aber!“ Ja, weil es zwischen Erziehung zum Sport und Erziehung durch Sport keinen Automatismus gibt. Das Auftreten gewünschter positiver Effekte kann niemand garantieren.  Sporttreiben bleibt immer ambivalent: Es kann z. B. das Selbstvertrauen der Menschen stärken, aber auch schwä-chen. Doch diese Gewissheit um die Ungewissheit ist kein hinreichender Grund dafür, die Ansprüche einer Erziehung durch Sport zu vernachlässi-gen oder vollends aufzugeben. Deswegen „Ja, aber!“ - denn: Die Wahrschein-lichkeit des Auftretens einer angestrebten Erziehung durch Sport ist abhän-gig davon, unter welchen infrastrukturellen Bedingungen, in welchen sozia-len Kontexten und mit welchen situativen Arrangements der Sport der Men-schen tatsächlich stattfindet.  Wie kommt also der Sport zu den Menschen? Es kommt darauf an,  das Sporttreiben konkret und damit „vor Ort“ mög-lichst erziehungsgedeihlich zu inszenieren. Erziehung zum Sport ist das Terrain für Erziehung durch Sport. Ohne das Erlebnis der sportlichen Tat ist die Erfahrung seiner förderlichen Wirkungen nicht möglich. Ich wiederhole: ohne zum kein durch! Doch genauso wie wir damit rechnen müssen, dass Erziehungs-Wirkungs-Hoffnungen schwinden und scheitern können, genauso wenig vermögen wir nach oben hin festzule-gen, wann Erziehungsansprüche komplett erfüllt sind.  Der Sport kann im-mer nur als Teil zum Gesamten der Erziehung beitragen. Eine perfekte Er-ziehung gibt es jedoch nicht. Aber wie sagte doch neulich Franz Beckenbauer in der Hamburger Bürgerschaft bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde: „Wenn einer in die Nähe des perfekten Menschen kommt, dann ist es Uwe Seeler“  (FAZ vom 28.11.2003). Erziehung durch Sport - noch irgendwelche Fragen? Nach diesem sozialromantischen Schlenker zurück in die Realität und damit zum Teil drei:

3. Welchen Handlungsbedarf gibt es zwischen Sport und Erziehung? Aufgaben

Ich hatte Ihnen zu Beginn angekündigt, in diesem Teil meiner Ausführungen  die Beziehungen von Sport und Erziehung auch in bildungs- und sportpolitischer Perspektive auszulegen. Ein Europäisches Jahr der Erziehung durch Sport hat ja nicht primär die Aufgabe, lediglich einen akademischen Diskurs anzuregen. Vielmehr sind Notwendigkeit und Dringlichkeit in der Schnitt-menge von Erziehung  und Sport als Aufgabenfelder anzumahnen oder neu zu entdecken. Daher die konkrete  Frage: Wo gibt es Handlungsbedarf? Wo muss aktuell weitergearbeitet werden?  Wenigstens eine Handvoll solcher Baustellen will ich im architektonischen Grundriss kurz aufzeichnen und jeweils knapp erläutern. Sie sind m. E. ge-kennzeichnet durch Wichtigkeit und Aktualität und dann so formuliert, dass sich jeder von Ihnen als Multiplikator angesprochen fühlen kann,

wenn es seinen Bereich betrifft. Es ist also ausdrücklich erwünscht, beizeiten tatkräftig Hand anzulegen. Die Sammlung ist aber grundsätzlich erweiterbar und insofern revisionsoffen: Sie sollten sie ggf. mit weiteren Aufgaben ergänzen bzw.

durch noch größere Baustellen ersetzen. Doch nun erstmal der Reihe nach:

(1) Wer Sport mit Erziehung verbindet, muss auch nach weiteren Ver-bündeten suchen,

die für die pädagogischen Möglichkeiten des Sports offen sind: Akzeptanz!

Diese Baustelle klingt auf den ersten Blick trivial.  Sie stellt eine selbstver-ständliche Querschnittsaufgabe dar. Auf ihr bauen alle anderen auf. Denn zu aller erst muss eine größtmögliche Akzeptanz für das Anliegen von Sport und Erziehung sichergestellt bzw.

wieder hergestellt werden. Zwei Richtun-gen sind zu trennen,  die den Dialog fördern helfen sollen: Zunächst ist zu fragen, welche Bereiche überhaupt dazu gehören.  Schule und Verein sind die beiden ganz großen Instanzen,  die das Anliegen von Erziehung durch Sport mit ihren je unterschiedlichen  Möglichkeiten aufgreifen. Aber: Sind etwa auch die kommerziellen Anbieter von  Fitness und Freizeitsport dazu zu zählen? Wie steht es mit den  Sport-Animateuren vom Robinson-Club und den Fanbeauftragten von Schalke 04 oder hier von Sachsen Leipzig in der Regionalliga? Fühlen auch sie sich verpflichtet,

durch Sport zu erziehen?


Darüber hinaus

- und das ist die zweite wichtige Richtung - geht es um die prinzipielle Akzeptanz

des Sports in der Erziehungswissenschaft und in ih-ren Arbeitsgebieten.

Nach meinem Eindruck wird dem Sport hier immer noch eine sehr geringe Aufmerksamkeit

und Wertschätzung entgegen ge-bracht. Obwohl beispielsweise seit Jahrzehnten die Sportvereine die Nummer eins unter den Jugendorganisationen sind, taucht der Sport als Diszip-lin oder Arbeitsfeld in herkömmlichen Systematiken nominell gar nicht auf: Die Erziehungswissenschaft kennt zwar Verkehrs- und Medienerziehung als ausgewiesene Erziehungsfelder, nicht aber Sporterziehung. Sie führt zwar Museums- und Freizeitpädagogik als eigenständige Fächer, nicht aber Sportpädagogik. Allerdings wäre es falsch, daraus gleich zu folgern, dass es nicht doch einzelne Erziehungswissenschaftler gibt, die sich mit Fragen von Erziehung und Sport beschäftigen. Damit kann ich überleiten zur zweiten Baustelle,

wo die Frage der Akzeptanz geradezu existenziell überlagert wird:

(2) Wer Sport mit Erziehung verbindet, muss auch dafür Sorge tragen,

dass der Sport aus öffentlichen Lern- und Lebensräumen nicht gänz-lich verschwindet:

Legitimation! Diese Baustelle kann ich gleich mit einem aktuellen Beispiel zementieren:

In den dunklen Novembertagen des letzten Jahres erblickte eine Studie der  Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft das Licht der bundesweiten  Medien-Öffentlichkeit: „Bildung neu denken. Das Zukunftsprojekt“ konzipiert Schule völlig neu. Sie alle haben davon vermutlich gehört und gelesen. Für die Ge-samtredaktion dieser Buchpublikation zeichnet

der Erziehungswissenschaft-ler Lenzen verantwortlich, derzeit Präsident der Freien Universität Berlin und ehemals Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissen-schaft. Lenzen wurde unterstützt von insgesamt 73 Experten,

allerdings - soweit für mich ersichtlich - niemand aus dem Sport.  Vielleicht ist das ja ge-nau der Grund dafür, warum vom Schulsport hier nun nicht  mehr die Rede ist. Allenfalls sollen „Körpererziehung und motorische Koordinationsfähig-keit“ den allgemeinen und berufsbezogenen Bildungsprozess zukünftig noch begleiten. Wer das dann macht, wie und wo diese Begleitung stattfindet, bleibt weitgehend offen. Die Empfehlungen sehen allerdings vor, dass die motorische Koordinations-fähigkeit wesentlich auf den körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten durch (wörtlich)  „Tanz, Theater, Akrobatik bis hin zu Fingerspielen“ basiert. Konstitutiv für den Bildungsprozess ist der Sport in der Schule demnach nicht mehr. Ich habe jedenfalls nirgendwo im Buch ein ausdrückliches Bekenntnis dafür gefunden, dass in der Schule von morgen noch Platz ist für den gesellschaftlichen  Wirklichkeitsbereich Sport und seine pädagogische Aufbereitung,

nämlich im zweiteiligen Auftrag von Sacherschließung und Persönlichkeitsentwicklung,

also von Erziehung zum und Erziehung durch Sport. Ich treibe es ein wenig auf die

Spitze: Wenn erstmal dieses Zukunftsprojekt in Bayern, in Deutschland und gar in

ganz Europa Realität wird, wäre es geboten, ein internationales Jahr der Erziehung

ohne Sport auszurufen! So bleibt uns allen momentan nur die Hoffnung,

dass auch diese Studie zu denen gehört, nie niemals umgesetzt werden …

(3) Wer Sport mit Erziehung verbindet, muss auch das Personal  (die „Erziehungsberechtigten“ im Sport) stark machen: Qualifikation!  Ich hatte im vorherigen Teil meines Vortrags argumentiert, dass Erziehung zum und durch Sport abhängig sind von der jeweiligen Inszenierung,  die förderlich und stärkend wirken kann oder nicht. Wer demnach Kinder, Jugendliche und überhaupt Menschen im Sport stark machen will, der muss gleichzeitig dafür Sorge tragen, diejenigen stark zu machen und stark zu halten,

die andere stark machen sollen: also das Personal qualifizieren! Es sol-len Experten

in der Sache sein, die der Erziehung zum Sport nachkommen, und sie müssen auch die

sich bietenden Chancen erkennen und nutzen, um Erziehung durch Sport zu ermöglichen.

Auf dieser Baustelle lassen sich ganz gut die verbandlichen Ausbildungsof-fensiven

abladen, die hier und da angekündigt bzw. schon auf den Weg gebracht sind. Zuweilen wird sogar die Forderung nach einer flächendecken-den formalen Qualifikation für das Lehrpersonal in der Vereinsarbeit erhoben, und zwar mindestens auf der Basis der Lizenzabschlüsse des verbandlichen Ausbildungswesens. Qualifikation richtet sich als Aufgabe aber aus-drücklich auch an das professionelle Personal für den Schulsport. Wenn dort gerade über gravierende Einschnitte unterschiedlichster Art entschie-den wird, dann sollten die Verantwortlichen immer mit bedenken, wie da-durch dann Erziehung zum und durch Sport besser verwirklicht werden können. Dies betrifft schließlich auch die universitäre Ausbildung zukünfti-ger Sportlehrergenerationen, um die man sich sorgen muss, wenn in einzel-nen Bundesländern Hochschuloptimierung und Profilierung beabsichtigt sind und die Schließung ganzer Sportinstitute dabei herauskommt.


(4) Wer Sport mit Erziehung verbindet, muss auch seine Beiträge markant positionieren, aber ebenso auf bestehende Defizite aufmerksam machen: Evaluation!  Evaluationen geben Auskünfte über das Erreichen von Zielen. Wenn aber attestiert wird,  dass die gestellten Ansprüche nicht erfüllt sind, heißt das nicht zwangsläufig, auf sie gänzlich zu verzichten. Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, etwa im Fach Deutsch Abstriche zu machen, nur weil die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern hierzulande derzeit nicht so gut ist. Genau das Gegenteil ist dann der Fall. Diskrepanzen zwischen An-spruch und Wirklichkeit sind vielmehr Anlass, die Anstrengungen zu inten-sivieren, die zum Erreichen von Zielen notwendig sind. Bei der ersten natio-nalen Schulsportstudie, deren Ergebnisse wir in Kürze erwarten, sollte das dann nicht anders sein - vorausgesetzt, die Ergebnisse geben uns überhaupt Anlass zu größerer Sorge. Evaluation möchte ich aber ausdrücklich nicht nur auf den Schulsport be-zogen wissen. Seit einiger Zeit wird nämlich von verschiedenen Seiten eine kontinuierliche Sportberichterstattung eingefordert, die ebenso dazu beitra-gen kann, Anspruch und Wirklichkeit immer wieder neu auszubalancieren. Der „Erste Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht“ stellt so gesehen nur den Anfang und eine Art Prototyp für viele andere Berichte dar, die noch folgen

müssen - sei es für bestimmte Personengruppen, sei es für bestimmte Instanzen und

Sportanbieter, sei es kommunal, auf Länder- oder Bundes-ebene und im zusammenwachsenden Europa. Die Aufgabe von Wissen-schaftlern sollte dabei sein,

die Befunde so aufzubereiten, dass sie nicht nur von Politik und Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen, sondern auch für konkrete Interventionen mit hoher Verbesserungswahrscheinlichkeit genutzt werden können. Die Formulierung von

Bildungsstandards im Sport und die Verbreitung von Best-practise-Modellen könnten

übrigens zwei weitere Zu-gänge in diesem Zusammenhang sein, damit von Evaluation

Qualitätsent-wicklung ausgehen kann.

(5)  Wer Sport mit Erziehung verbindet und dazu ein Europäisches Jahr proklamiert,

muss auch nach Möglichkeiten suchen, das Anliegen über das Jahr hinaus zu sichern:

Nachhaltigkeit!

Um ein letztes Mal das Bild von der Baustelle zu strapazieren: Mit dem Auf-stellen

eines Baustellenschildes mit den Namen aller Projektbeteiligten allein ist es nicht

getan. Es kommt darauf an, das europäische Haus einer Erzie-hung durch Sport mit

seinen tragenden Säulen aufzubauen und die einzel-nen Stockwerke einzurichten.

Dahinter steht die Frage: Was bleibt am 31. Dezember 2004, wenn unser Europäisches Jahr der Erziehung durch Sport zu Ende geht?  Wie soll es dann weiter gehen?

Nachhaltigkeit könnte ein Prüfstein sein für das,  was jetzt in Projekten und Programmen, in Maßnah-men und Modellen überall anläuft, und zwar lokal, regional, national und erst recht im internationalen Austausch und Vergleich. Fragen nach der Ak-zeptanz, der Legitimation, der Qualifikation und der Evaluation im Umfeld von Sport und Erziehung sollten dabei nicht ausgespart werden, es sei denn, man ersetzt sie durch andere, die noch wichtiger sind. Ich vermute, dass es auch eine Aufgabe der Workshops heute Nachmittag ein wird, Überlegungen anzustellen, wie die dort vorgestellten neuen Ansätze einerErziehung durch Sport nachhaltig zu strukturellen Verbesserungen genutzt werden können.


4. Schluss

Ich komme zum Schluss und damit noch einmal zurück auf das Motto Erziehung

durch Sport: Erziehung ist auch darauf ausgerichtet, die Beziehun-gen der Menschen

untereinander zu verbessern. Wo - wenn nicht im Sport - könnte das authentischer

stattfinden und intensiver erfahren werden? Beim Sport bewegen wir uns schließlich

in Beziehungen und beziehen uns auf Bewegungen im Kontakt mit anderen Menschen.

Wir befinden uns fortwäh-rend in Bewegungsdialogen, die sich von anderen Dialogen,

aber auch von anderen alltäglichen Bewegungen in unserem sonstigen Leben unterscheiden. Erziehung durch Sport kann ein fruchtbares Fundament sein ...

für ein besseres Zusammenleben der Menschen, aber auch für einen besseren Sport.

Diese Vision sollte uns auch in der Zukunft bewegen, und zwar über

das Europäische Jahr der Erziehung durch Sport 2004 hinaus!